Es ist schon ein paar Wochen her, als ich begann mich mit dem Thema “Tiere essen” und dem gleichnamigen Buch von Jonathan Safran Foer zu beschäftigen. Es hat recht lang gedauert, bis ich das Buch durchgelesen hatte, wobei ich sagen muss, dass dies von sehr großem Vorteil war. So habe ich mich über eine recht lange Zeit mit diesem Thema auseinandergesetzt und das sehr nachhaltig.
“Jonathan Safran Foer wollte für sich und seine Familie wissen, was Fleisch ist.” Dazu brach er nachts in Tierfarmen ein, sammelte Information, sprach mit Menschen, die unmittelbar mit der Produktion in Berührung stehen. Das was er bei seinen Recherchen erfahren hat, wollte er als Autor nicht für sich behalten und hat ein Buch geschrieben, das nicht mit dem Finger auf den Leser zeigt. Jonathan Safran Foer ist selbst lange Zeit mal Fleischesser, mal Vegetarier gewesen.
Der Autor hat zwar in den USA recherchiert und verweist auf Statistiken der US-Landwirtschaft, doch wird im Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe ganz deutlich gesagt, dass die “angesprochenen Probleme auch ganz sicher vor der Tür des deutschsprachigen Lesers existieren. (s. S. 9)”
Fische essen
Fische sind für viele Vegetarier eine Alternative zum Fleisch. Doch Jonathan Safran Foer macht zwischen Fischen und Hühnern, Schweinen, Rinder keinen Unterschied. Jonathan Safran Froer schreibt, dass “Krieg genau das richtige Wort sei, um unsere Beziehung zu Fischen zu beschreiben. (s. S. 45)” Unter Verwendung von Kriegstechnologie wie Radar, Echolote, Navigationssysteme, satellitengestützte GPS werden Fischschwärme ausfindig gemacht. Bei Einsatz von so viel moderner Technologie werden riesige Mengen Meerestiere gefangen. Im Durchschnitt ist davon 80 bis 90 Prozent Beifang, der wieder über Bord geworfen wird. Der Autor fragt sich, wie es wäre, wenn zum Beispiel Garnelen mit einem Etikett versehen werden, welches so lauten könnte: “Für je 1 Pfund dieser Garnelen wurden 12 Kilo anderer Meerestiere getötet und ins Meer zurückgeworfen. (S. 60)” Ähnlich beim Sushi – wollte man all die Tiere, die für eine Portion Sushi getötet wurden, zusammen mit dem Sushi servieren, so müsste laut Jonathan Safran Foer der Teller einen Durchmesser von 1,5 Meter haben (s. S. 61).
Und “welche Entscheidung würden die meisten wählerischen Allesesser wohl treffen, wenn an jedem Stück Lachs, das sie essen, ein Etikett klebte, das ihnen mitteilte, dass 80 Zentimeter lange Aquakulturlachse ihr ganzes Leben in einer Badewannenmenge Wasser verbringen müssen und dass die Augen der Tiere wegen der Wasserverschmutzung bluten? Und wenn das Etikett auch die exlposionsartige Vermehrung der Parasiten, die Zunahme der Krankheiten, das deformierte Erbgut und die neuen, gegen Antibiotika resistenten Erreger, die in Lachsfarmen entstehen, erwähnen würde? (S. 222)”
Hühner essen
Mitten in der Nacht steigt Jonathan Safran Foer in eine Geflügelfarm ein. “Die Farm besteht aus sieben Ställen, jeweils etwa 15 Meter breit und 150 Meter lang, und darin befinden sich jeweils rund 25000 Vögel (S. 104)”. Der Autor watet durch Matsch aus Tierkot, Schmutz und anderem Undefinierbarem und stößt überall auf tote oder halbtote Tiere. Die nächste Farm, in der er einbricht, ist noch größer. Rund 33000 Tiere sitzen in einem Raum ohne Fenster.
Hühner in der Massentierhaltung sind deformiert, krank, mit Medikamenten vollgestopft, gestresst und in einem schmutzigen Raum voller Fäkalien zusammengefercht (S. 153). Wie gut kann ein solches Huhn schon schmecken? Damit der Verbraucher nichts merkt, bekommen die Hühner eine Boullion injeziert, damit das Huhn wie Huhn aussieht und auch so schmeckt (s. S. 154).
Die Hühner, die das alles überlebt haben, werden am Ende ihres Lebens in Kisten gestopft und über hunderte von Kilometern ohne Futter und Wasser zum Schlachthof transportiert. “Kopfunter werden sie dort in Metallschlingen an einem automatischen Förderband aufgehängt. (S. 155)” Die Schlachtstraße besteht aus verschiedenen Stationen: elektrisches Wasserbad (das die Hühner beteuben soll, aber nicht immer tut), Halsschnittautomat (bei dem nicht immer alle Tiere erwischt werden), Nachschneider, Brühbad (in das einge lebendig kommen).. bis die Hühner vertikal aufgeschnitten werden (wo es oft zu Verschmutzungen kommt) und schließlich in ein Kühlbecken kommen, dessen Wasser “passenderweise >Fäkalsuppe< genannt wird” (s. S. 156 ff.).
Schweine essen
Mich persönlich hat das Schicksal einer trächtigen Sau in Massentierhaltung am meisten bewegt. “Ihre unglaubliche Fruchtbarkeit ist der Grund für ihre besondere Hölle (S. 211 ff.)”, schreibt der Autor. Eine moderne Zuchtsau könne bis zu neun Ferkel werfen, säugen und großziehen. Um möglichst gewinnbringend zu sein, muss die Sau den größten Teil ihres Lebens trächtig sein. Über Medikamente kann der Züchter den Wurftermin beeinflussen. “Sobald die Ferkel entwöhnt sind, werden der Sau Hormone gespritzt, damit sie so rasch wie möglich wieder künstlich befruchtet werden kann.” Meist verbringt die Sau die Schwangerschaft in einem sogenannten Kastenstand, in dem sie sich nicht hinlegen und auch nicht umdrehen kann. Die Sau hat keine Einstreu, reibt und verletzt sich damit am Käfig, leidet unter “Langeweile, Isolation und Unterdrückung des starken Brutpflegetriebs”. “Viele Schweine werden in den Käfigen wahnsinnig.”
Die Ferkel werden häufig deformiert geboren (s. S. 214). Ihnen werden die Schwänze kupiert und die Zähne gekürzt. Sind sie männlich, werden ihnen die “Hoden aus dem Leib gerissen”. Und all das ohne Betäubung. Durch die viel zu frühe Entwöhnung von der Muttermilch müssen die Ferkel Medikamente gegen Durchfall bekommen. Sobald sie entwöhnt sind, kommen die Ferkel so lang wie möglich in Mastkäfige, die aufeinander gestapelt werden (s. S. 215). Danach geht es in beengte Buchten. Die Ferkel, die nicht schnell genug wachsen, werden “geklopft”. Damit wird auf grausame Weise dem kleinen Leben ein Ende gesetzt (s. S. 216).
Rinder essen
Laut Jonathan Safran Froer werden Rinder in der Massentierhaltung noch mit der geringsten Grausamkeit gehalten (s. 278). Doch die Beschreibung einer typischen Rinderschlachtung hat mich sehr traurig gemacht.
In einer sogenannten Schussbox sollen die Rinder mit einem Bolzenschussgerät, das zwischen den Augen angesetzt wird, betäubt werden. Wird der Bolzen mit zu geringer Kraft herausgeschossen, wird dem Rind der Schädel eingedrückt, doch “bleibt es unter Schmerzen bei Bewusstsein (s. S263)”. Dabei wird das Rind ganz oft sehr bewusst mit geringerer Kraft “betäubt”, damit das noch pumpende Herz das Rind schneller ausbluten lässt. “Das hat den Nebeneffekt, dass ein höherer Prozentsatz von Tieren mehrfach geschossen werden muss, bei Bewusstsein bleibt oder beim Verarbeiten wieder aufwacht. (S. 263)”
Die Wahrheit und was ich daraus mache
“Wir können uns nicht mit Unwissenheit herausreden, nur mit Gleichgültigkeit. (…) Wir sind diejenigen, die man zu Recht fragen wird: Was habt ihr getan, als ihr die Wahrheit über das Essen von Tieren erfahren habt?” Unsere Kinder werden uns fragen!
In unserem Haushalt gibt es schon sehr lange fast ausschließlich Bio-Lebensmittel. Die wenigen Ausnahmen wird es zukünftig nicht mehr geben. Bei Butter, Sahne und Eiern greifen wir vorzugsweise zu demeter-Qualität. Fleisch gab es bei uns auch schon immer selten, doch gehe ich als Familienköchin damit nun noch bewusster um. Ich lasse den Speck weg, den eh keiner braucht, koche zu Nudeln lieber vegetarische Saucen als Bolognese.
Auch spüre ich, dass ich noch nicht am Ende angelangt bin. Mir wird immer häufiger bewusst, dass mir Tierprodukte mit meinem Wissen nun gar nicht mehr schmecken. In Restaurants habe ich die letzten Wochen ausschließlich vegetarisch bestellt. Kürzlich habe ich mir auch noch ein Backbuch “Vegan backen” gekauft, das mir Anregungen geben soll, Milch- und Eikonsum zu reduzieren. Unsere Kinder essen ihr Müsli mittlerweile mit Vanille-Hafermilch, die ohne Zuckerzusatz auskommt. Jedes Mal frage ich “mit Kuhmilch oder mit Vanillemilch?” und bekomme einstimmig die Antwort “Vanillemilch” zurück.
Und ich möchte gerne andere Menschen animieren, sich ebenfalls mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und deswegen habe ich hier über all das geschrieben.
Natascha
| Jonathan Safran Foer Tiere essen Verlag Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-04044-9 Erscheinungsdatum: 19. August 2010 Titel der Originalausgabe: Eating Animals 19,95 € |




